Enneagramm Typ 5 und der Entwicklungspunkt Typ 8
Ich hatte heute eine friedvolle Versöhnung mit meinem Freund R, meinem Entwicklungspunkt im Enneagramm. R. ist ein Enneagramm-Typen 8, den ich seit fast 30 Jahren kenne und der lange Zeit mein bester Freund war. Der Prozess zu dieser Einsicht, die heute fiel, läuft natürlich schon mein ganzes Leben lang, und projizierte sich auf unterschiedliche Menschen und Systeme. Ich denke, der Text, den ich kürzlich (an anderer Stelle) über meinen Unfrieden mit den 8ern geschrieben hatte, hat meinen Aufmerksamkeitsfokus nochmal darauf gebracht. Und dann erlebe ich eben oft "zufällig" Situationen, die ich in mein Leben ziehe.
So wie ein entfernter Bekannter X, der die Tage mal wieder Sprüche unserer Wacken WhatsApp-Gruppe gepostet hatte, die, naja, wie soll ich sagen, in Teilen als rechtsextrem aufgefasst werden könnten, während ein anderer Teil von mir denkt, vielleicht hat er es gar nicht so gemeint und mal wieder Verständnis hatte. Und zuerst habe ich eine sehr diplomatische relativierende Botschaft gesendet, wo ich zwar auf die Art der Sprache verwies und um Reflexion bat, ich im Anschluss aber nicht das Gefühl hatte, die Person irgendwie mal mit meinem Punkt erreicht zu haben, denn sie schien keine Anstalten zu machen, ihr Verhalten selbstkritisch zu sehen.
Dann verließ eine Freundin die Gruppe, mit der ich ebenfalls über zwei Jahrzehnte befreundet bin, um ein Statement gegen diese zum rechtsextremen tendierenden Sprache von X zu setzen, was aber aufgrund seltsamer technischer Einstellungen der WhatsApp-Gruppe niemand außer mir und R, der 8, mitbekam. Und R äußerte mir gegenüber seine Unsicherheit und Zerrissenheit, da der Typ, der den dummen Spruch gebracht hat, ja auch mit nach Wacken fährt und direkter Nachbar und Freund von wiederum jemand anders aus der Gruppe ist.
Und so fühlte ich eine Verantwortung und habe einen, zwar wie fast immer, sachlichen Text geschrieben, diesen aber eben mit der typischen Klarheit und dem Bedacht auf Grenzen setzen, wie es typisch für eine 8 ist. Und ich habe echt lange an dem Text herumgefeilt, bis ich das Gefühl hatte, ja, jetzt enthält mein Text Anteile aller drei Energiezentren des Enneagramms: Kopf (Sachlichkeit), Herz (Mitgefühl) und Bauch (Durchsetzungskraft und Klarheit) und erkannte, dass ich früher so oft Dinge nicht durchsetzen konnte, weil mir immer diese Klarheit fehlte. Meine Überbetonung von Herz und Kopfzentrum, verdrängt oft das Bauchzentrum.
Aber als ich dann heute Morgen in die Gruppe schaute und meine Klarheit, die ich am Abend zuvor zu Tage brachte, und die weiteren Reaktionen der anderen Gruppenmitglieder dazu führten, dass die betreffende Person wahrscheinlich aus der Hauptgruppe, die dem sozialen Austausch dient, rausgehen wird und nur noch in der zweiten Gruppe, wo es um die Festivalplanung geht, teilnehmen wird, fühlte ich mich schlecht. Und ich erkannte: Das ist genau das Gefühl, womit ich mich sonst nie konfrontieren will, und weshalb ich häufig, eben aus der Vermeidung dieses Gefühls heraus, immer und unter allen Umständen sehr viel Verständnis für die Beweggründe anderer Menschen habe, und mich im Versuch alle Perspektiven zu berücksichten auch oft verliere. Und für eine Philosophin für mich ist das ja vielleicht auch eine gute Eigenschaft, aber um konkrete Dinge zu gestalten, manchmal nicht so geeignet.
Und ich fühlte das erste Mal diese Last, die mein Freund R. all die Jahre für mich und andere getragen hatte, nämlich klare Entscheidungen zu treffen, auch wenn diese manchmal die Sensibilitäten und Bedürfnisse anderer nicht vollständig berücksichtigt hatten, oder etwas polterig zum Ausruck kamen, denn man kann nicht immer alle Perspektiven berücksichtigen. Und wenn man um Klarheit bemüht ist, dann findet man auch nicht immer sensible und mitgefühlende Worte.
Und so erlebte ich, wie nun zwei andere heute meine Rolle spielten, die des Verständnisses und dass er das ja vielleicht nicht so gemeint hat, um mich auszugleichen, weil ich so klar war.
Meinem Freund R schrieb ich heute folgendes:
Hey R.
Jetzt weiß ich, warum du die harten Entscheidungen sonst treffen durftest. Es macht keinen Spaß, der Buhmann zu sein. Danke, dass du so oft Dinge mit Klarheit entschieden hast, denn ich spüre gerade mal, wie schwer mir das fällt. Das ist eben etwas, was ich oft echt vermeide, indem ich immer alles und alle verstehen will. Ich vermeide, wann immer möglich, so eine Klarheit zu bringen.
Aber ich musste das jetzt vor allem für mich selbst machen, weil dieses ständige Verständnis haben für Dinge, die ich an sich nicht gut finde, bei mir eben auch oft dazu geführt hat, dass ich mich chronisch hilflos gefühlt habe und nichts bewegen konnte.
Und mir ging's auch nicht nur um den X. Ich habe um eine Haltung zu der ganzen Sache gerungen, auch gesamtgesellschaftlich, und die hab ich jetzt gezeigt.
Nie wieder ist JETZT. Und es beginnt in den kleinen Momenten, in denen wir nicht wegschauen.
Manchmal braucht es wohl eine etwas härtere Klarheit, um etwas zu bewegen, und jetzt konnte ich mal fühlen, dass hat positive und negative Seiten.
Früher, wo ich noch etwas jünger und unbedarfter war, hast du oft Dinge für uns und mich entschieden, weil du die Stärke und Vernunft dazu hattest und uns allen Struktur gegeben hast, weil viele von uns das auch gebraucht haben. Z.B. als ein XY für sein Verhalten eine klare Konsequenz bekommen hat, aber auch in vielen kleinen Dingen. Ohne dich wären wir viel herumgeirrt und hätten vielleicht auch nicht so einen beständigen Frieden in unserer Gruppe erlebt. Du hast unsere Gruppe und alle fragilen und sensiblen Menschen darin damit oft beschützt und das habe ich in der Vergangenheit zu wenig gewürdigt.
Und ich habe deine Klarheit oft kritisiert. Der 8 im Enneagramm wird oft nachgesagt, sie sehe die Welt schwarz-weiß, aber wie soll man noch Entscheidungen treffen, wenn man immer die unendliche Perspektive sieht, so wie ich es bevorzugt tue? Aber heute, wo ich mich damit beschäftige, diese Klarheit in mir selbst zu finden, sie selbst zu verkörpern, mal einen Tag in deinen Schuhen zu gehen, weil ich erwachsen und unabhängig sein möchte und nicht immer jemanden im Background haben kann, der mir alle harten Entscheidungen abnimmt, kann ich besser nachvollziehen, wie sehr du uns allen immer damit gedient hast, dass du das immer konntest, weil du eben immer schon sehr erwachsen, sachlich, vernünftig, klar und durchsetzungsfreudig warst und das alles für so viele Menschen immer aufgefangen hast.
Ich hoffe, du kannst das Lob annehmen!
Ich habe gerade gelernt, dass, wenn man etwas bewirken will, eine gewisse Klarheit und Strenge braucht. Gleichzeitig trifft man dabei manchmal Menschen, wird ihnen vielleicht nicht ganz gerecht und kann nicht so empathisch sein. Das Mitgefühl muss man dann manchmal etwas zurückstellen, und deshalb liegt die Herzenergie bei Typ 8 im Schatten der 2.
Aber heute habe ich auch erkannt, dass nur weil man klar und entscheidungsfreudig ist, das nicht bedeutet, dass man kein Mitgefühl besitzt oder Entscheidungen nicht umsichtig abwägt. Denn ich hatte Mitgefühl dafür, dass X das aus einer naiven Unbedachtheit gesagt hatte, und ich habe lange darüber nachgedacht, was die beste Entscheidung auch für X wäre. Dabei habe ich gelernt, dass ich der 8 nicht absprechen sollte, empathisch oder reflektiert zu sein, obwohl sie manchmal eine klare, schwarz-weiße Entscheidung trifft. Denn immerhin trifft sie die Entscheidung und trägt diese, die ich selbst oft nicht hervorgebracht habe, in meinem unendlichen Philosophieren und Berücksichtigen aller Perspektiven.
Eine Entscheidung ist immer ein Scheideweg, weshalb mir klare Entscheidungen so schwerfallen, und ich oft lieber für alle Seiten Verständnis habe und eine sanftere Position einbringe. Ich will immer alle Perspektiven berücksichtigen und vereinen, eine schöne Ideologie (grünes Mem), die aber manchmal an der harten Realität vorbeigeht.
Jetzt darf heute jemand anders mal das Sanfte sein, um alles, wo ich zu hart war und Klarheit eingefordert habe, wieder auszugleichen.
Ich glaube, ich kann ab jetzt noch mehr schätzen, was du immer für uns getan hast, und mich noch ein bisschen mehr zurücklehnen, weil ich bei dir oft sicher und in guten Händen war, wenn du die klaren Entscheidungen getroffen hast.
Und ich muss mit dir nicht mehr um Machtverhältnisse kämpfen, denn ich kann froh sein, dass diese Klarheit dir mehr liegt als mir, und ich mich in dieser Hinsicht oft um nichts kümmern muss und dieses für mich perfekt ist. Aber dass kann ich dir R. auch nur so sagen, weil die Grundlage deiner Entscheidungen aus dem größtmöglichen Bemühen um Objektivität heraus triffst, was nicht bei jeder 8 gegeben ist.
Ich hoffe, dass dich meine Worte des Friedens bzgl. unserer Konflikte in der Vergangenheit erreicht haben.
Und ich muss das jetzt vielleicht mal aushalten können, heute einmal der "Böse" zu sein.
Außerdem muss ich ja mit dem X wahrscheinlich erstmal nicht nach Wacken fahren, deshalb kann ich das ja auch mal machen.
Und es braucht ja auch den guten Cop, der weiterhin mit X befreundet ist und Empathie und Verständnis hat, dafür, dass er das ja gar nicht so gemeint hat. Denn man ändert seine Meinung zu bestimmten Dingen oft auch nur durch soziale Bindungen und nicht, indem man ausgeschlossen wird.
Und während ich diesen Text an R. schrieb, dachte ich auch an jede Person in meinem Leben, angefangen von meiner Mutter, die entscheidungen für mich traf, und meine Bedürfnisse und Sensibilitäten oft nicht berücksichten konnte. Ich dachte an Lehrer*innen in der Schule, über Chefs und Vorgesetzte auf der Arbeit, bis hin zu Politikern, die Dinge entscheiden und mir diese Entscheidung abnehmen.
Aber ich denke auch an die Internetforen, und vor allem natürlich an das Klartraumforum, das mir so am Herzen liegt, wo ich in der Vergangenheit manchmal nicht mit allen Entscheidungen einverstanden war, weil sie mir zum Teil zu hart waren und nicht alle Perspektiven berücksichtigen konnten.
An all diese Instanzen denke ich heute, an all die Situationen, wo jemand anders entschieden hat, klar war, die Verantwortung übernommen hat und durch das Setzen von Grenzen viele andere beschützt hat.
Und vielleicht kann ich mich, weil ich die Stärke und Entscheidungsklarheit von Typ 8 nach diesem kleinen Ausflug in die Schuhe meines Freundes R einem Enneagramm Typ 8ter verstehen kann, in Zukunft mehr zurücklehnen, wenn eine 8 oder jemand, der sich dazu berufen fühlt, die Klarheit einer Entscheidung zu tragen, und mich selbst mehr entspannen, weil ich ja im Grunde auch froh bin, dass ich das nicht machen muss.
Und ich dachte heute auch nochmal an meinen Discord-Server, wo ich vor Jahren mal versucht hatte, eine spirituelle Community aufzubauen, und wo dieser Ort, den ich dort erschaffen wollte, zerstört wurde, weil ich es nicht schaffte, meine Grenzen und Werte mit dieser Klarheit zu beschützen und immer für alle und jeden Verständnis und Mitgefühl hatte. Ich konnte heute nochmal herzlich darüber lachen, als ich meine Fehler erkannte, aber vielleicht bin ich dafür auch einfach nicht gemacht.
Ich bin ja eine 5, ein Versteher, dazu noch mit Flügel zur emotionalen 4. Und es muss ja auch Menschen geben, die Verständnis mit denjenigen haben, die im Zuge einer klaren Entscheidungsfindung manchmal auf der Strecke bleiben, die ausgegrenzt werden, weil es dem Wohlergehen anderer Menschen dient, dass Sensibilitäten manchmal keinen Platz haben.
Dennoch habe ich es manchmal gegenüber der 8 auch sehr vermisst etwas eigenes einbringen oder mitgestalten zu können, vor allem dann wenn es sich um sensible Themen handelt, die auf Grund der Notwendigkeit eine klare Entscheidung zu treffen, bei Typ 8 manchmal im Schatten liegt.